THE CHAIR (Serie, Staffel 1) – Ein einmaliges Filmexperiment

Das Konzept der amerikanischen Doku-Serie THE CHAIR ist so einfach wie genial: Zwei junge aufstrebende, aber noch unbekannte, Filmemacher nehmen das erste Mal auf dem Regiestuhl Platz und bekommen jeweils 600.000$, um ihren ersten Spielfilm in die Tat umzusetzen. Die Serie begleitet dabei alle Phasen der Entstehung des Films. Der beste der beiden Filme gewinnt am Ende 250.000$.

Für die beiden Nachwuchs-Regisseure gelten folgende Regeln:
1. Beide bekommen dasselbe Drehbuch
2. Der Film muß mindestens 85 Minuten Spielzeit haben
3. Der grundlegende Plot des Drehbuchs darf nicht geändert werden
4. Die Namen der Protagonisten dürfen nicht geändert werden
5. Das Budget von 600.000$ darf nicht überschritten werden
6. Die Vorbereitung und Dreharbeiten finden in Pittsburgh statt
7. Beide Regisseure bekommen am Ende den sogenannten “Final Cut” für ihren Film

Shane Dawson ist der Erste der Chance bekommt, einen eigenen Spielfilm zu drehen. Shane ist ein bekannter YouTube-Star, der es mit seinen pubertären und etwas geschmacklosen Scherzvideos auf mehr als 6 Millionen, meist sehr junge, Follower gebracht hat. Seine Konkurrentin ist Anna Martemucci, welche bereits als Drehbuchautorin erste Erfahrung gesammelt und mit ihrem Ehemann und Freunden auch bereits kleinere Independent Produktionen verwirklicht hat.

Untypisch für Hollywood Produktionen wird Anne und Shane, solange die grundlegenden Regeln einhalten werden, vollkommen freie Hand bei der Verwirklichung ihrer Vision gelassen. Dies geht von der Bestimmung des eigenen Teams und der Schauspieler bis hin zum finalen Schnitt am Ende. Beide Newcomer werden dabei von erfahrenen Filmschaffenden wie u.a. Chris Moore (Showrunner der Serie und Produzent von Filmen wie Good Will Hunting und American Pie) und Zachary Quinto (bekannter Schauspieler und Produzent von zahlreichen Independent Filmen) gecoacht.

Die Hauptprotagonisten Anne und Shane können unterschiedlicher nicht sein. Shane ist über alle Maße selbstbewusst und wirkt oftmals arrogant. Nahezu selbstverständlich übernimmt er neben Regie auch gleich die Hauptrolle in seinem Film und fühlt sich sichtlich unwohl, Aufgaben und Entscheidungen an sein Team abzugeben. Das zur Verfügung gestellte Drehbuch, schreibt er zu einer pubertären Komödie voll anzüglicher Witze und Fäkalhumor um. Anne hingegen ist empathischer und eine weit aus bessere Teamplayerin als Shane. Auf der anderen Seite ist Anne, vor allem am Anfang, immer wieder auch von Selbstzweifeln und Versagensängsten geplagt. Ihre Vision des Films ist dann auch ein Indie-typisches Coming-Of-Age Drama mit realistischen Dialogen und glaubhaften Darstellern.

Ich persönlich fand die Auswahl von Shane Dawson für THE CHAIR etwas unglücklich, da mich sein kreativer Ansatz und der letzten Endes ziemlich geschmacklose und dümmliche Film zu keiner Zeit wirklich interessiert hat. Zudem ist das Gehabe von Shane Dawson für den Zuschauer manchmal nur schwer zu ertragen. Das ändert sich erst ein wenig zum Ende der Serie, als auch seine Unsicherheit und Verletzbarkeit zum Vorschein kommt.

Ingesamt ist THE CHAIR aber ein überaus gelungenes Experiment über die Lust und den Frust einen Independent Film mit wenig Budget und Zeit zu verwirklichen. Keine andere Dokumentation hat es bisher geschafft, einen so tiefen Einblick in die wunderbare, aber oftmals auch nervenaufreibende, Welt des Filmemachens zu gewähren. Jeden Filminteressierten wird THE CHAIR von Anfang an packen, da alle Phasen einer Filmproduktion, von der Preproduction bis zum Testscreening und der Kinopremiere am Ende, gezeigt werden. Hinzu kommt, dass die Serie in allen Aspekten überaus ehrlich ist. Das gilt auch für Anne und Shane, die offenherzig über ihre Gedanke aber vor allem auch Ängste und Rückschläge sprechen. THE CHAIR glorifiziert dabei zu keiner Zeit den Prozess des Filmemachens sondern zeigt, dass eine Filmproduktion neben all dem kreativen Chaos vor allem harte Arbeit bedeutet.

THE CHAIR macht auch den Unterschied zwischen europäischen und amerikanischen Filmdrehs deutlich. In Europa hat der Regisseur eine weit aus wichtigere Bedeutung als in Amerika. Europäische Regisseure fungieren oftmals als eine Art König und regieren das Filmset mit allen Fäden in der Hand. In Amerika ist das Filmteam weitaus bedeutender und besitzt maßgeblichen Einfluß auf zahlreiche Aspekte des Film. Eine funktionierendes und harmonisches Team ist hier entscheidend für die Qualität des Films. Dieser Teamansatz birgt natürlich auch Konfliktpotential, welches in der Serie deutlich wird.

Die größe Stärke von THE CHAIR sind aber seine wahrhaftigen, emotionalen Momente. Das Team, dass sich nach der letzten Filmklappe in den Armen liegt oder die Freudentränen und der Stolz von Anne und Shane nach ihrem ersten Screening sind unvergesslich. Dem Zuschauer wird klar, welches Herzblut alle Beteiligten in die beiden Filme gesteckt haben. Auch wenn der Wettbewerb und vor allem die etwas fragwürdige Entscheidungsmethode am Ende einen fahlen Beigeschmack haben, geht es letzten Endes darum einen Film zu schaffen, der sein Publikum unterhält und im besten Fall weinen und lachen lässt. Das mag nicht immer gelingen, aber die Suche und der Weg dorthin sind den Aufwand allemal wert.

Alles in allem ist THE CHAIR ein Muss für angehende Filmemacher aber auch alle Filmliebhaber und wohl interessanter und nützlicher als so manche Vorlesung an der Filmhochschule. Eine zweite Season ist zum Glück bereits in Planung.


Bewertung: 5 von 5 Sternen5


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