Filmkritik

Ungleicher könnten diese beiden Männer nicht sein: Driss (Omar Sy) ist jung, schwarz und prollig. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis lebt er resigniert mit seiner Großfamilie in einem Pariser Ghetto.

Philippe (François Cluzet) geht auf die Fünfzig zu, er ist reich, gebildet, kultiviert. Sein Anwesen gleicht einem Schloss, Dutzende Angestellte vom Koch bis zur persönlichen Assistentin schwirren um den dinstinguierten Hausherrn herum. Trotzdem ist Driss für Philippe der beste Freund, den sich der Ältere vorstellen kann: Denn Philippe ist vom Hals abwärts gelähmt, bis auf seine Gesichtsmuskulatur hat er keine Kontrolle über seinen Körper. Als er einen neuen Pfleger sucht, taucht Driss bei ihm auf – nur um sich einen Stempel als Beleg fürs Arbeitsamt zu holen. Die unbeschwert-fröhliche Art des jungen Schwarzen gefällt Philippe, obwohl der angebliche Bewerber ganz offensichtlich keinerlei Erfahrung mit Krankenpflege hat. Dennoch beschließen beide, es miteinander zu versuchen. Zu verlockend ist die Aussicht für Driss, ein eigenes Zimmer mit edlem Mobilar und angeschlossenem Bad zu bewohnen. Für Philippe überwiegt die Hoffnung, sich endlich mit einem Pfleger zu umgeben, der kein Mitleid mit ihm hat. Und tatsächlich ist damit bei Driss nicht zu rechnen: An seinem ersten Arbeitstag röstet er Philippes Beine mit einem Feuerzeug, um zu testen, ob er wirklich kein Gefühl in ihnen hat. In Philippes Maserati drückt er bis zum Maximum aufs Gaspedal und nutzt gnadenlos den Behindertenstatus seines Begleiters aus, als die Polizei die beiden anhält. Er verleitet Philippe zum Kiffen und bringt eine unpassende Bemerkung nach der anderen.

Er lässt keine Gelegenheit aus, Philippes attraktive Assistentin anzubaggern und scheut sich auch nicht davor, die Tochter des Hauses für ihre aristokratische Arroganz zurecht zu weisen. Auf der anderen Seite ist er für Philippe da, wenn dieser nachts an Phantomschmerzen leidet. Er fährt ihn stundenlang im Rollstuhl spazieren, um ihn von seinem Leid abzulenken. Er quillt über vor verrückten Ideen und hat ein so ansteckendes Lachen, dass auch Philippe wieder Spaß am Leben empfindet. Und als Driss seinen neuen Arbeitgeber davon überzeugen kann, endlich seine langjährige Brieffreundin persönlich zu treffen, schöpft Philippe wieder Hoffnung auf ein Leben, das nicht nur vom Rollstuhl bestimmt wird… Die Geschichte dieser ungleichen Freundschaft beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich in Frankreich zugetragen hat.

Dem Regie-Duo Eric Toledano und Olivier Nakache ist mit “Ziemlich beste Freunde” eine bittersüße Tragikkomödie gelungen, die nicht nur die Lachmuskeln, sondern auch die Tränendrüsen anregt. Der Einblick in die schwierigen, wenn auch völlig unterschiedlichen Lebensverhältnisse beider Männer verursacht bei so manchem Zuschauer einen Kloß im Hals, der sich dank des herben Humors und der sensiblen Erzählweise im nächsten Moment wieder aufzulösen vermag. Der Publikumserfolg aus Frankreich berührt zudem mit ästhetischen Bildern und der künstlerischen Kameraführung, mit der von Lebensfreude, Schmerz und Krankheit, aber auch sozialer Ungerechtigkeit und Vorurteilen erzählt wird. Dass bei einem solchen Gefühlscocktail auch das obligatorische Happy End eher Ansichtssache ist, versteht sich von selbst.



Über den Autor

FreddyDaGeek