Filmkritik zu DAS LIED IN MIR

Es ist ein Kinderlied, das Marias bisheriges Leben ins Wanken bringt. Ein unschuldig gesummtes Lied am Flughafen von Buenos Aires, das in der Deutschen eine quälende Erinnerung auslöst. Eigentlich war Maria (Jessica Schwarz), eine junge Leistungsschwimmerin, auf dem Weg in ein Trainingscamp in Chile. In Buenos Aires sollte die 31-Jährige lediglich umsteigen. Als sie aber im Wartesaal des Flughafens eine Frau dieses melodische Kinderlied summen hört, werden verschwommene Bilder aus einem anderen Leben wach. So beschließt Maria, der Sache auf den Grund zu gehen und nimmt sich in der südamerikanischen Millionenstadt ein Hotelzimmer.

In seinem Debütwerk erzählt Regisseur Florian Cossen die bewegende Geschichte von einer Identitätssuche auf einem fernen Kontinent. Wer bin ich? Diese Frage treibt Maria rastlos durch Buenos Aires, auf der Suche nach ihrer Vergangenheit. Zur Schlüsselfigur wird dabei ihr Vater Anton (Michael Gwisdek), der hastig aus Deutschland anreist, als er von den Plänen seiner Tochter erfährt.

Denn die Wahrheit ist dramatischer als Maria sich je hätte ausmalen können. In quälenden Gesprächen entlockt sie ihrem Vater, dass sie in Argentinien geboren wurde. Dass ihre vermeintlichen deutschen Eltern sie als Dreijährige adoptierten. Dass sie Maria aus Argentinien entführten und als ihre eigene Tochter ausgaben, nachdem die leiblichen Eltern vom brutalen Militärregimes verschleppt wurden und nie wieder aufgetaucht sind. Die bislang so stabile Vater-Tochter-Beziehung bricht unter der Last von Antons Lügen fast zusammen, als klar wird, dass Marias Onkel Hugo (Alfredo Castellani) und Tante Estela (Beatriz Spelzini) damals wochenlang nach dem kleinen Mädchen gesucht haben.

Das Wiedersehen mit Marias leiblicher Familie ist ergreifend herzlich. Und bitter zugleich, schließlich hat die verlorene Nichte bis auf das vertraute Kinderlied keinerlei Erinnerungen an ihre Eltern und spricht kaum ein Wort Spanisch. Aus Furcht vor Bestrafung ist Adoptivvater Anton, der mehr und mehr aus Marias Leben gedrängt wird, nicht bereit zu übersetzen.

So muss Maria auf die Unterstützung des jungen Polizisten Alejandro zurückgreifen. Aus einer zufälligen Bekanntschaft entspinnt sich in einer Nebenhandlung eine Liebesgeschichte, die zwischen Nähe und Distanz schwankt. Denn auch Alejandro kann sich von der Vergangenheit nicht befreien – als Angehöriger des Polizeiapparats scheut er die Begegnung mit Marias Familie fast ebenso wie Anton.

Das deutsch-argentinische Drama “Das Lied in mir” zieht mit seiner gelungenen Mischung aus Tragik und Leichtigkeit den Zuschauer so in seinen Bann, dass er jedes Detail von Marias Biographie erfahren möchte. Der stimmige Plot wird abgerundet durch die lebendige Kulisse von Buenos Aires und die überzeugenden Schauspieler – allen voran Jessica Schwarz, die auch physisch mit ihrem gebräunten Teint im Laufe des Films immer mehr dem Bild einer Südamerikanerin entspricht.