DVD- und Filmkritik zu BOYHOOD

DVD-Cover © Eigentum von Universal Pictures

DVD-/Blu-Ray Erscheinungstermin: 6.November 2014

Selbst nüchtern betrachtet ist BOYHOOD ein bemerkenswerter und filmhistorisch einmaliger Film. Über 12 Jahre begleitet Richard Linklater seine Protagonisten und erzählt die Geschichte von Mason Jr. (Ellar Coltrane), von seinen schulischen Anfängen als Sechsjähriger bis zum Eintritt ins College im Alter von 18 Jahren. Die Story des Films ist unspektakulär. Es gibt keine großen, filmtypischen Twist oder gar übergroße dramatische Momente. Im Kern geht es um die typischen Erfahrungen, Freuden und Gefühlswirren die ein Junge beim Aufwachsen erlebt. Gerade diese Schlichtheit macht aber letztendlich die Größe von Boyhood aus. Der Film besteht aus so vielen wunderbaren Momenten, die in ihrer Unaufgeregtheit soviel Wahrheit in sich tragen und es in ihrer Gesamtheit wie kein anderer Film zuvor schaffen, Zeit und Vergänglichkeit auf die Leinwand zu bringen und diese für den Zuschauer fühl- und erlebbar zu machen. Hierzu tragen auch viele nostalgische Momente bei, wie der erste Gameboy, Tamagotschis, Gespräche über Star Wars und die erste US-Präsidentenwahl des Hoffnungsträgers Obama. Trotzdem verkommen diese niemals zum Selbstzweck, sondern tragen ihren Teil zur Wahrhaftigkeit dieses Coming-Of-Age Films bei.

 

Es gibt nicht viele Filme, bei denen ich nach dem Sehen das beglückende Gefühl verspüre, etwas Großem und Schönem beigewohnt zu haben. Boyhood ist so ein Film. Erst im Kino und auch jetzt wieder auf DVD sehe ich Boyhood mit purer Bewunderung für die Magie, welche der Film entfaltet. Jeder Moment und jede Nuance des 3-stündigen Mammutprojekts fühlt sich richtig an und machen den Film zu einem unglaublich schönen Kunstwerk. Boyhood lässt uns lachen, staunen, in manchen Momenten mitschämen und ab und an eine Träne verdrücken.

Die schauspielerische Leistung ist eine Offenbarung und gerade deswegen so eindrucksvoll, da sich alle Schaupieler komplett der Geschichte verschrieben und sich während der 12 Jahre Drehzeit entsprechend ihres Charakters auf natürliche Weise mit- und weiterentwickelt haben. Ohne große Showmomente, fügen sich alle Schauspieler in das große Ganze ein. Trotzdem sollte vor allem die Leistung von zwei Schaupielern hervorgehoben werden. Der Eine ist natürlich Ellar Coltrane, dessen zurückhaltendes und nuanciertes Spiel mich in nahezu jeder Szene begeistert hat. Er spielt die Entwicklung von Mason Jr. mit einer unglaublichen Würde und einer klaren Vision und Selbsterkenntnis wohin ihn die Reise am Ende geführt hat. Nicht zu vergessen ist aber auch Patricia Arquette. Sie spielt Mason’s Mutter meisterhaft. Auf der eine Seite verletzlich und sensibel, aber letzen Endes immer auch mit einer großen inneren Stärke. Genauso wie wir uns mit Mason und seiner Entwicklung identifizieren können, gelingt uns dies auch problemlos mit seiner Mutter.

So wunderbar der Film ist, so schwach ist das Bonusmaterial der DVD ausgefallen. Für dieses außergewöhnliche Filmexperiment gäbe es genug Gründe die DVD und Blu-Ray mit zahlreichen Dokus und Hintergrundinformationen zu versehen. Die DVD kommt aber leider komplett ohne Extras daher, die Blu-Ray wenigstens mit einer kurzen “Hinter die Kulissen”-Doku. Glücklicherweise gibt es an der technischen Qualität wie Bild und Ton jedoch überhaupt nichts auszusetzen. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass es irgendwann eine erneute DVD-/Blu-Ray Veröffentlichung geben wird, die diesem Film vollends gerecht wird.

Fazit:
Boyhood ist pure Magie und ein einmaliger Film, welcher es mit viel Liebe und Hingabe schafft, den Wesenskern unseres Lebens auf die Leinwand zu bringen. Ohne Übertreibung ist Richard Linklater mit Boyhood ein Jahrhundert-Film geglückt. Über 12 Jahre begleitet der Regisseur seine Protagonisten und schafft damit ein unglaublich wahrhaftiges und schönes Werk, welches ohne Zweifel in die Filmgeschichte eingehen wird. Der einzige Schmerz, den dieser Film nach 160 Minuten hinterlässt, ist die Tatsache das er nun vorbei ist und es vermutlich kein Sequel geben wird. Falls doch, bin ich in 12 Jahren der Erste der sich wieder in die Kinoschlange einreihen wird.


Bewertung: 5 von 5 Sternen5


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